© 2019 by  kaba-reh production       Impressum/Disclaimer

  • w-facebook

SCHAUSPIEL THEATER OLIV ZEIGT "DER KUSS DER SPINNENFRAU"

Träumen von Freiheit

MANNHEIM."Der Kuss der Spinnenfrau" des Argentiniers Manuel Puig hat eine vielfältige künstlerische Karriere hinter sich - als verbotener Roman (1976), als Film (1985), als Theaterstück und als Musical. Als Einpersonenstück erlebte das Drama über Freiheit, Menschlichkeit und Respekt vor einem Jahr in Stuttgart seine Welturaufführung. Die vielfach und gefeierte "kaba-reh"-Produktion von Schauspieler Horst Emrich und Regisseurin Jutta Schubert verfehlte auch beim Gastspiel im Mannheimer Theater Oliv ihre Wirkung nicht.

Musikalisch umrahmt von Georg Danzers "Die Freiheit ist ein wundersames Tier" und Westernhagens Freiheits-Hymne wird auf der Bühne nach und nach eine persönliche und politische Tragödie aufgedeckt, die auch komische Momente hat. Horst Emrich führt mit wunderbarem Spiel beides zusammen. Er gibt nicht nur den wegen Verführung Minderjähriger verurteilten Homosexuellen Molina, sondern auch den politisch Gefangenen Valentin.

Glaubhafte Darstellung

Der eine ist ein von Filmen der 40er Jahre begeisterter Romantiker, der sich eine cineastisch bestimmte Welt erträumt. Eine Augenweide ist Emrich als Tänzerin und Spionin Mata Hari. Valentin ist ein strammer Marxist, für den die Maxime des politischen Handelns und des Kampfes gilt. Gefühle und Privates haben da keinen Platz. Und doch nähern sich die beiden Zellengenossen an und entdecken andere Seiten an sich selbst - auch wenn es kein Happy-End gibt.

Anfangs unterscheiden sich die beiden noch durch Wechseln des Hemdes und der Frisur, später genügen allein Emrichs wandelbare Körpersprache und ein veränderter Sprachstil, um die unterschiedlichen Charaktere glaubhaft darzustellen. Auf der fast kahlen Bühne dienen zudem drei klug eingesetzte Schaufensterpuppen als Ansprech-und Spielpartner, die großen Anteil daran haben, dass die 110 Minuten mit Emrich wie im Flug vergehen. (sd)

Mannheimer Morgen

Dienstag, 07.11.2017

Abstrakt und real: „Der Kuss der Spinnenfrau“, zwei Rollen in einer Person. Regisseurin Jutta Schubert vertraut auf Text und Reduktion.

Horst Emrich zeigt Schauspielkunst auf hohem Niveau.

 

Schauspieler in Doppelrollen sind ja nichts Neues, aber wenn beide Personen zur gleichen Zeit auf der Bühne agieren, wird das zur Herausforderung für Darsteller und Publikum.

 

Molina und Valentin, zwei sehr gegensätzliche Charaktere, einer schwul, der andere ein politischer Gefangener, liefern sich zunächst einen Schlagabtausch und nähern sich dann im Laufe des Stückes immer weiter an, bis sie schließlich Freunde werden. All das wird überzeugend von einem Schauspieler gespielt, oder besser gesagt, gelebt.

 

Der Minni-Wertheimer-Saal im schwul-lesbischen Stuttgarter Zentrum Weissenburg hat sich in einen schwarzen Bühnenraum verwandelt, in dem zu Anfang einige verhüllte Objekte stehen.

 

Einzig von Kerzen erhellt ist ein Gedenkschrein, mit Sprüchen und Friedensbotschaften, Stofftieren und Blumen. Ein Zitat zum aktuellen Weltgeschehen.

 

Assoziationen werden zum Sinnbild für den ganzen Abend. Jutta Schuberts Inszenierung ist auf das Nötigste reduziert.

Im Mittelpunkt steht der Text von Manuel Puig und die schauspielerische Leistung von Horst Emrich. Dieser Minimalismus nimmt das Publikum mit auf eine Reise in die eigene Fantasie.

Nach und nach werden die Objekt enthüllt und damit die Geschichte, um die es geht, aufgedeckt.

Eine imaginäre Gefängniszelle, zwei Gefangene und ihre schwierige Beziehung zueinander: der eine ist aufgrund militärischer Willkür gefangen, der andere wegen angeblichem Konflikt mit dem Jugendschutzgesetz. Die Rahmenhandlung für einen dichten Theaterabend voller Spannung und Poesie.

 

Bereitwillig lassen wir uns vom Protagonisten Molina in seine Traumwelt entführen. Durch die Erzählung alter Hollywoodfilme entflieht er der tristen Realität der Zelle.

Das Publikum folgt von der ersten Sekunde an seinen Illusionen und das kurzweilige 110 Minuten lang. Durch unsere eigene Phantasie entsteht so eine surreale Imagination und wir erleben die pure Magie des Theaters.

 

Molina wird immer wieder durch Valentins Kritik an den Rollenklischees der Filmklassiker in die Realität zurück geworfen.

 

Köstlich die Szenen, in denen Horst Emrich alias Molina in die Rolle seiner Hollywood-Diven schlüpft. Ob als Greta Garbo in Mata Hari, als psychopathische Pantherfrau oder als einsame Spinnenfrau, immer sind seine Filmfiguren ein Teil seiner Selbst.

 

Valentins trockener Humor und die spitze Zuge von Molina bilden einen köstlichen Disput, in dem die Gegensätze aus Vorurteilen, Klischees, Lebensträumen, Idealen, Verletzungen und nicht gelebten Beziehungen und Gefühlen aufeinanderprallen. Humorvoll und tragisch zugleich zeichnet Horst Emrich seine Figuren. Der Revolutionär und Macho Valentin entpuppt sich als ebenso verletzlich und energisch wie sein Widersacher Molina.

 

Valentin geht ganz in seinem politischen Kampf auf und plädiert für Presse- und Meinungsfreiheit. Molina kann sich in seiner Naivität nur schwer damit anfreunden, dass seine heile Welt in Wirklichkeit brüchig und freudlos ist.

 

Nach und nach gewinnen beide neue Einsichten, welche ihre Meinungen und ihr Leben verändern. Beide entdecken ihre nicht gelebten Seiten. Molina seine männliche, Valentin seine weibliche, und sie werden dadurch eins mit sich. Perfekt umgesetzt durch die Symbiose, in der Horst Emrich am Schluss beide Rollen gleichzeitig spielt.

 

So langsam wie eine Spinne ihr Netz spinnt, erfährt das Publikum erst nach und nach, wer Opfer oder Täter ist. Wie in einem Thriller gibt es kein Entrinnen und die Wahrheit kommt am Ende ans Licht.

 

Genauso wie am Schluss die Spinnenfrau fast aus dem Nichts erscheint, obwohl sie die ganze Zeit präsent auf der Bühne war, um das Schicksal der beiden zu überwachten, wurden die Objekte (Schaufensterfiguren), die eigentlich eine Nebenrolle und Staffage für die Szene sind, im Handumdrehen zu Spielpartnern.

 

Das Publikum applaudiert begeistert. Sprachlos, berührt und ergriffen von diesem ganz besonderem Theatererlebnis.

„Der Traum war ein kurzer Traum, aber glücklich.“

 

Bleibt dem freien Theater kaba-reh production nur zu wünschen, dass endlich eine eigene Spielstätte gefunden wird.

Denn alle Theaterstücke des Teams Emrich-Schubert handeln von Selbstfindung, Liebe und der Courage, sein eigenes Leben zu leben.

Pressebericht HKE

24.10.2016

"In den städtischen Proberäumen arbeiten derzeit der Schauspieler Horst Emrich und die Regisseurin Jutta Schubert. Sie proben das Theaterstück „Der Kuss der Spinnenfrau“ von Manuel Puig; am kommenden Samstag ist Premiere im Zentrum Weissenburg im Stuttgarter Süden. 
Die Stadt überlässt den Kulturschaffenden den Proberaum mietfrei. „Das ist natürlich super, weil Proberäume in Stuttgart knapp und teuer sind“, sagt Schubert. Drei Jahre lang hätten sie sich um Fördergelder für den Kuss der Spinnenfrau bemüht, berichtet Horst Emrich. Neben der Stadt beteiligen sich nun auch die Maria Wimmer Stiftung und der Verein Homosexuelle Selbsthilfe finanziell an der Produktion. Dennoch reiche das Budget nicht aus, um das Projekt wie geplant umzusetzen: Von anfangs angedachten zehn Mitwirkenden wie etwa einem Bühnenbildner oder einem Figurenbauer sind letztlich die Regisseurin und der Schauspieler übrig geblieben. „Ich inszeniere mit zwei Schauspielern, es ist nur zufällig derselbe“, erklärt Schubert. Dass Horst Emrich nun in einer Doppelrolle zu sehen ist, habe aber auch inhaltliche Gründe. „Das ist keinesfalls eine Notlösung“, betont die Regisseurin, die Reduktion als solche sei auch ein Qualitätsmerkmal. „Die Magie des Theaters entsteht im Kopf“, sagt Emrich. Der Kuss der Spinnenfrau erzählt davon, wie sich in Argentinien zu Zeiten der Militärdiktatur zwei Männer in einer Gefängniszelle kennenlernen: ein politischer Gefangener und ein homosexueller Schaufensterdekorateur, der des Kindesmissbrauchs bezichtigt wird. „Es sind zwei völlig unterschiedliche Welten, die sich in dieser Zelle begegnen“, sagt Jutta Schubert. Zwischen den beiden Männern entstehe dann aber eine intensive Freundschaft voller Nähe und Intimität. „Es ist ein sehr emotionales, aber auch ein hochpolitisches Stück.“ Und obwohl Puigs Roman in den 70erJahren spielt, sei die Handlung angesichts der Ausgrenzung Homosexueller und des Terrors in vielen Ländern der Welt immer noch aktuell, meint die Regisseurin: „Es ist keineswegs ein historisches Stück, das findet genauso heute immer noch statt.“ Darauf wird, aller Reduktion zum Trotz, auch im Bühnenbild hingewiesen: mit einem Gedenkschrein, der so auch in Nizza oder Paris hätte stehen können. Aufführungen Premiere von „Der Kuss der Spinnenfrau“ ist am Samstag, 22. Oktober, um 20 Uhr im Zentrum Weissenburg, Weißenburgstraße 28a. Dort ist das Stück auch am 28. und 29. Oktober sowie am 5. und am 12. November jeweils um 20 Uhr zu sehen. (Text: Martin Braun)

Vorbericht Stuttgarter Zeitung

19.10.2016

Please reload